Nach der Wetterachterbahn am Chão dos Terreiros am Vortag hätte man meinen können, Madeira hätte sein Pulver verschossen. Falsch gedacht.
Für den nächsten Morgen stand der Fanal-Wald auf dem Plan, der berühmte „Feenwald“ im Nordwesten der Insel, und der Wetterbericht versprach das, was dort oben eigentlich immer im Angebot ist: Nebel und Sprühregen.
Perfekte Voraussetzungen also für einen Wald, der ohnehin aussieht, als hätte jemand die Kulisse für einen Fantasyfilm gleich dagelassen.
Direkt nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg und so war ich kurz vor 9 Uhr war ich da, für hiesige Verhältnisse also schon ziemlich früh. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Das sollte sich als Glücksgriff herausstellen.
Die Tourbeschreibung
Die Tour startete direkt auf dem Parkplatz am Eingang des Waldes, und wie leer es hier war, zeigte sich schon bei der Ankunft:
Ich parkte in erster Reihe. In erster Reihe, an einem der meistbesuchten Ausflugsziele im Nordwesten Madeiras.
Wer den Fanal nur aus Reiseführern und Instagram kennt, mag das kaum glauben.
Der Fanal liegt am Nordrand der Hochebene Paúl da Serra, auf etwa 1.150 bis 1.200 Metern Höhe, und gehört zum Laurissilva-Wald, einem UNESCO-Weltnaturerbe.
Dass man hier nicht in irgendeinem Wald unterwegs ist, merkt man spätestens nach den ersten Metern.
Uralte Stinklorbeerbäume, manche sollen weit über 500 Jahre alt sein, strecken ihre knorrigen, von Moos, Flechten und Farnen überwucherten Äste in alle Richtungen, als würden sie nach etwas greifen.
Zu Beginn war es genau so, wie angekündigt:
Nebel, dazu ein leichter Sprühregen, der nicht wirklich nass macht, aber trotzdem überall hinkriecht.
Die Sicht reichte stellenweise gerade mal ein paar Dutzend Meter, die Bäume tauchten wie Schemen aus dem Grau auf und verschwanden hinter mir wieder darin.
Kein Mensch weit und breit, nur das Tropfen der Blätter und meine eigenen Schritte auf dem weichen Boden.
Genau in diesen Momenten, wenn Nebel und Ruhe über dem Wald einkehren, wird der Fanal zu einem fast unwirklichen Ort.
Die Stimmung ist mystisch, wie so oft beschrieben, und trotzdem war ich überrascht, wie sehr sie einen packt, wenn man sie wirklich allein erlebt.
Und dann der Wetterwechsel, der mich auch an diesem Tag nicht in Ruhe ließ, und das erstaunlich schnell:
Kaum hatte ich mich an das Grau gewöhnt, riss der Nebel auf, und die Sonne kämpfte sich durch die Baumkronen.
Plötzlich lag der Wald in goldenem Licht, die nassen Moose leuchteten in einem unwirklichen Grün, und aus dem Boden stieg Dunst auf, durch den die Sonnenstrahlen wie Scheinwerfer fielen. Wenige Minuten später war alles wieder weg, der nächste Nebelschwall zog herein, und ich stand erneut im Grau.
Dieses Spiel wiederholte sich auf der gesamten Runde, Nebel, Sprühregen, Sonne, Nebel, und kaum hatte ich die Kamera gezückt, war das Motiv schon wieder verschwunden.
Eine Überraschung ganz anderer Art wartete an einem kleinen Tümpel am Wegesrand:
Er war voller Frösche, und die machten ordentlich Krach. Mitten im stillen, nebelverhangenen Wald plötzlich dieses vielstimmige Quaken, das aus dem Dunst zu kommen schien, ohne dass man auch nur einen der Sänger sah.
Fast surreal, wie der Soundtrack zu einem Film, den ich gerade selbst drehte. Ich blieb eine ganze Weile stehen und lauschte einfach.
Kühe gab es übrigens auch, aber nur am Rand des Waldes. Im Inneren hatte ich die alten Bäume für mich, und die Kühe blieben dort, wo sie hingehören, auf den Wiesen am Waldrand.
Der Boden hatte sein ganz eigenes Programm. Über weite Strecken war er schlammig, rutschig und von den Regenfällen aufgeweicht, an manchen Stellen half nur der Blick nach unten und die Suche nach der besten Trittstelle.
Gutes Schuhwerk ist hier definitiv keine Empfehlung, sondern Pflicht. Auch die Hose war nach kurzer Zeit dankbar für jeden Zentimeter Länge, den sie hatte, und die wetterfeste Jacke blieb den ganzen Weg über an.
Über die gesamte Runde, 7 Kilometer lang und mit gerade mal gut 200 Höhenmetern auf und ab, bewegte ich mich zwischen rund 1.080 und 1.200 Metern.
Konditionell also eine ganz entspannte Sache, die eigentliche Herausforderung lag eher in den Bedingungen, und darin, immer wieder stehen zu bleiben, weil schon wieder ein Baum aussah, als müsste man ihn unbedingt fotografieren.
Das Beste, oder zumindest das Bemerkenswerteste, kam gegen Ende:
Zu Beginn war der Wald praktisch menschenleer, innerhalb von zwei Stunden änderte sich das komplett. Plötzlich kamen mir immer mehr Wanderer und Ausflügler entgegen,
aus allen Richtungen strömten Familien und Fotografen in den Wald, und als ich gegen 11 Uhr zurück zum Ausgangspunkt kam, waren die Straßen voller geparkter Autos.
Mein Auto, das ich morgens noch in erster Reihe abgestellt hatte, stand nun mitten in einer Blechlawine.
Der frühe Start hatte sich also mehr als gelohnt, denn wer erst später kommt, teilt sich den Feenwald mit ziemlich vielen anderen Feen.
Fazit
Ein faszinierender Wald, und das ganz unabhängig davon, ob gerade Nebel, Sprühregen oder Sonne dominieren. Genau dieser schnelle, ständige Wechsel macht den Fanal aus: Jede Minute sieht der Wald anders aus, und kein Foto gleicht dem anderen. Dazu die Ruhe, das Quaken der Frösche und das Gefühl, an einem Ort zu sein, der nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint. Der Fanal ist definitiv kein Ort für Gipfelstürmer, aber ein perfekter für alle, die gerne einfach mal schauen, staunen und sich verzaubern lassen wollen.
Würde ich wiederkommen? Auf jeden Fall, dann aber wieder früh am Morgen, wenn der Wald noch mir gehört und der Nebel am dichtesten ist. Dass ich dabei nass werde, nehme ich in Kauf. Und wer weiß, vielleicht erwische ich beim nächsten Mal sogar einen Moment, in dem die Sonne mal länger als fünf Minuten am Stück durchhält.
Tipps
- Früh starten
Wer morgens kommt, erlebt den Wald fast menschenleer und im dichtesten Nebel. Später am Tag kommen die Massen, und die Straßen sind zugeparkt. - Gutes Schuhwerk anziehen
Die Wege sind größtenteils schlammig, Wanderschuhe mit gutem Profil sind Pflicht, keine Halbschuhe oder Sneaker. - Wetterfest unterwegs sein
Eine wetterfeste Jacke und lange Hosen sind auf jeden Fall empfehlenswert, Sprühregen und Nebel machen schnell nass und kalt. - Orientierung im Nebel
Bei dichtem Nebel verliert man schnell die Orientierung, die Temperatur kann zudem rasch fallen, GPS-Track und warme Kleidung gehören ins Gepäck.
Höhenmeter bis zum Ziel
210m bergauf, 220m bergab
Streckenlänge
7,0km
Dauer
Gehzeit inkl. kurzer Pausen: 2h45min





























