Übernachtet hatten wir bereits auf der Berliner Hütte, mitten im Talschluss des Zemmgrunds, umgeben vom Panorama der vergletscherten Dreitausender des Zillertaler Hauptkamms.
Für den nächsten Tag stand die vielleicht anspruchsvollste Etappe des gesamten Berliner Höhenwegs auf dem Programm:

Über das Schönbichler Horn, 3.134m, hinüber zum Furtschaglhaus.
Die „Königsetappe“, wie sie unter Bergwanderern genannt wird…und wir waren gespannt, ob sie ihrem Ruf gerecht wird. Nach einer leider wenig erholsamen Nacht und einen kleinen Frühstück  ging’s los und uns erwartete den ganzen Tag über strahlend blauer Himmel und praktisch kein Wind.

Die Tourbeschreibung

Schon bei unserer Ankunft am Vortag, bekamen wir die Information, dass der reguläre Steig in Richtung Schönbichler Horn nicht passierbar war- ein Unwetter hatte die Holzbrücke über einen der Bachgräben weggespült.
Also hieß es erst mal wieder zurück und ein ganzes Stück absteigen bis zur Alpenrosenhütte, um von dort aus den alternativen Weg nach oben zu nutzen.

Von der Alpenrosenhütte aus ging es erneut bergauf, zunächst in geschwungenen Serpentinen über die Wiesenhänge, angenehm zu gehen, fast schon ein sanfter Einstieg in einen Tag, von dem wir wussten, dass er das nicht bleiben würde.

Nach und nach verschwanden die Wiesen, das Gelände wurde karger, Fels und Geröll bestimmten zunehmend das Bild.
An einem Steinmann, der die Übergangsstelle des Berliner Höhenwegs markiert, öffnete sich zum ersten Mal der Blick auf die Gletscherwelt zwischen Möseler, Turnerkamp und der Zillertaler Hauptkette…ein Moment, an dem wir automatisch langsamer wurden, einfach um länger hinschauen zu können.

Der Weg wandte sich nun nach rechts und stieg in großen Serpentinen zum Gratrücken auf, der vom Schönbichler Horn herabzieht.

Ab hier wurde es ernst: Über die stahlseilgesicherte Ostflanke ging es teils ausgesetzt weiter nach oben, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit waren jetzt keine Option mehr, sondern Voraussetzung. Diesen Aufstieg empfand ich als deutlich anspruchsvoller als alles, was danach noch kommen sollte, auch bedingt durch den Umweg über die Alpenrosenhütte, der die Beine schon früh am Tag spüren ließ, was noch vor uns lag.
Die letzten Meter zum Gipfel führten über glatt geschliffene Granitplatten, ebenfalls drahtseilversichert, bis wir nach einem letzten kurzen Stück tatsächlich oben standen:
Schönbichler Horn, 3.134m, ein echter Dreitausender mit Weg, wie man so schön sagt…und für mich persönlich der erste Dreitausender überhaupt, den ich bestiegen habe.

Los war am Gipfel einiges, kein Wunder bei diesem Wetter:
strahlend blauer Himmel, kaum ein Wölkchen, und selbst hier oben auf über 3.100m wehte nur ein laues Lüftchen.

Der Blick entschädigte für jeden ausgesetzten Meter zuvor: Hochfeiler, Großer Möseler und Schwarzenstein reihten sich am Horizont auf, dazwischen Gletscherzungen, so weit das Auge reichte.
Da sich unsere Gruppe aufgeteilt hatte, waren wir erstmal nur zu zweit auf dem Gipfel, konnten aber die anderen weit unter uns sehen.
Wir blieben nicht all zu lange oben, da sich der Gipfel immer mehr füllte.

So machten wir uns an den den Abstieg in Richtung Furtschaglhaus.

Der Weg auf der anderen Seite Richtung Furtschaglhaus begann noch einmal kurz seilgesichert, danach ging es über Schiefer-Stufen deutlich unkomplizierter bergab als der Aufstieg zuvor.
Abwärts trennten sich die Wege „meiner“ Zweier-Gruppe nochmals- zu unterschiedlich war die Abstiegsgeschwindigkeit.

Dies war aber nicht weiter so schlimm, da der Abstieg mit sinkender Höhe immer leichter zu gehen war.
Das Furtschaglhaus war schon die meiste Zeit gut sichtbar vor uns zu sehen: Natürlich anfangs ganz klein und weit unter uns liegend.

Ich erreichte die Hütte, mit einer halben Stunde „Vorsprung“ vor meinen Mitwanderer und genehmigte mir auf der sonnigen Terrasse erstmal ein kühles Radler, bevor mich die Wärme in den Gastraum zwang.
Drinnen war es an diesem sonnigen Tag angenehm kühl, weshalb wir uns für die Rast gleich ins Innere setzten, aßen, tranken und die Beine einfach mal eine Weile hochlegten.

Nach dem Umweg über die Alpenrosenhütte und dem Aufstieg über das Schönbichler Horn war diese Pause mehr als verdient.
Hier warteten wir auf den Rest unserer Wandergruppe, so dass wir uns nun, fast wieder komplett, auf den weiteren Abstieg machen konnten.

Von der Hütte aus ging es weiter hinunter Richtung Schlegeisspeicher, am eindrucksvollen Wasserfall auf rund 2.200m vorbei, dann in Kehren weiter absteigend.
Auch bei diesen Abstieg, trennte sich unsere Gruppe wieder auf: Während einige Zeit ließen, ging es für mich und einen Mitwanderer, schneller vorwärts:
Unsicher, ob alle die letzten Bus schaffen würden, wollten wir, im Notfall, die Autos zum Parkplatz holen. (leider kamen wir dann doch leicht zu spät an und ein anderer Bus, mit dem wir beide gerechnet hatten, fuhr nicht)

Am Speicher angekommen, folgten wir dem noch passierbaren Weg am türkisblauen Wasser entlang bis zum Parkplatz an dessen Ende. Ein letzter, nach den Erlebnissen dieses Tages fast schon unspektakulärer Abschnitt. Dort warteten wir auf den Bus, der uns alle gemeinsam zurück zum Stellplatz der Autos beim Breitlahner brachte, wo der Zemmgrund für uns begonnen hatte.

Nach 16,62 Kilometern und 7:39 Stunden reiner Gehzeit, verteilt auf die beiden Etappen bis zum Furtschaglhaus und weiter zum Schlegeisspeicher, war dieser lange Tag dann geschafft.

Fazit

Die Königsetappe hält, was sie verspricht: hochalpin, ausgesetzt, konditionell fordernd, dazu an diesem Tag noch der Umweg über die Alpenrosenhütte wegen der weggespülten Brücke und die Spuren eines Unwetters rund um den Schlegeisspeicher.

Aber mit einem Gipfelerlebnis und einem Bergpanorama, das zu den eindrucksvollsten im gesamten Zillertal zählt, und für mich ganz nebenbei mit einer kleinen persönlichen Premiere:
dem ersten Dreitausender meines Lebens.

Dass wir dafür bei praktisch wolkenlosem Himmel und kaum Wind unterwegs sein durften, war an diesem Tag ein echter Glücksfall, sowohl für die Aussicht als auch für die drahtseilgesicherten Passagen am Grat.
Würden wir die Etappe wieder gehen? Auf jeden Fall, aber nur wieder bei so einem stabilen Bergwetter, denn was hier oben bei Nebel oder Nässe los wäre, wollen wir uns lieber gar nicht erst ausmalen.

Art der Strecke

Zunächst Wiesenserpentinen, danach zunehmend Blockgelände und Fels. Im Bereich des Grats und Gipfelaufbaus drahtseilgesicherte, teils ausgesetzte Passagen.
Abstieg zum Furtschaglhaus über Schiefer-Stufen, danach breiterer Weg am Schlegeisspeicher entlang zum Parkplatz.

Wegweisung /Ausschilderung

Durchgehend als Berliner Höhenweg (Weg Nr. 502) markiert, im Bereich des Schönbichler Horns zusätzlich Steinmänner und Drahtseile als Orientierung. Vorab unbedingt an der Hütte nach dem aktuellen Zustand der Wege erkundigen: Bei unserem Besuch war der reguläre Steig zum Schönbichler Horn wegen einer weggespülten Brücke gesperrt,
ebenso gab es rund um den Schlegeisspeicher unwetterbedingte Wegschäden und Sperrungen.

Einkehrmöglichkeiten

Berliner Hütte (Start, mit Übernachtung), Furtschaglhaus und Hütten am Speicher

Fotospots

Eine traumhafte Landschaft, die ständig nach Aufnahmen schreit

Anspruch

Hochalpin und konditionell wie technisch anspruchsvoll, die höchste und schwierigste Etappe des Berliner Höhenwegs.
Trittsicherheit und Schwindelfreiheit zwingend erforderlich, nur bei stabilem Bergwetter zu gehen.

Parken, Anfahrt

Start beim Alpengasthof Breitlahner im Zemmgrund. Rückweg vom Parkplatz am Schlegeisspeicher mit dem Bus zurück zum Breitlahner.

Tipps

  • Wetter checken
    Diese Etappe nur bei stabilem Bergwetter angehen, die drahtseilgesicherten Passagen am Schönbichler Horn verzeihen bei Nässe oder Nebel wenig.
  • Wegzustand vorher erfragen
    Unbedingt nötig! Auf der Berliner Hütte waren jedoch überall Hinweise vorhanden.
  • Früh los
    Ein zeitiger Start ab der Berliner Hütte schafft Puffer für Pausen am Gipfel und verringert das Risiko, unterwegs in einen Wettersturz zu geraten.
  • Busfahrplan am Schlegeisspeicher prüfen
    Vorab die Abfahrtszeiten des Busses zurück zum Breitlahner checken, damit am Ende nicht unnötig Wartezeit auf den letzten Kilometern dazukommt.

Höhenmeter bis zum Ziel

1.270m bergauf, 1.500m bergab

Streckenlänge

16,62km (8,24km Berliner Hütte–Furtschaglhaus + 8,38km Furtschaglhaus–Schlegeisspeicher)

Dauer

Gehzeit gesamt: 07:39 Std. (05:48 Std. bis zum Furtschaglhaus, 01:51 Std. weiter zum Schlegeisspeicher)

Die Tour bei Komoot